Zum 90. Geburtstag von Michael Sergejewitsch Gorbatschow

Präsident a.D. Michael Gorbatschow ist wohl der bedeutendste Staatsmann der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Im Großen veränderte die Welt – im Kleinen das Leben eines jeden von uns. Tatsächlich: Ohne ihn wäre das Leben jedes Einzelnen von uns, die wir heute in Deutschland und insbesondere in Brandenburg arbeiten und unsere Heimat haben, gänzlich anders verlaufen.

Aus dem innersten Kern des sowjetischen Einparteienstaates heraus versuchte er, die Sowjetunion durch Glasnost und Perestroika von Grund auf zu reformieren. Untrennbar damit verbunden war der Umbau der internationalen Politik. Gorbatschow revolutionierte sie im Namen des Friedens. Er eröffnete mit seinem „Neuen Denken“ eine Epoche globaler Abrüstung. Wie kaum ein Politiker vor oder nach ihm prangerte er die Rüstungsspirale zwischen Ost und West an, um sie mit einer Fülle konkreter Abkommen in eine Abrüstungsspirale umzukehren. Ein Denken, dass wir heute wieder – und mehr denn je – brauchen. Dank Gorbatschow gewann die Weltpolitik neue Konturen. Zu Recht erhielt er 1990 den Friedensnobelpreis.

Europa verstand er als „unser gemeinsames Haus“. Gorbatschow hatte gehofft, sein großes Land mit seinen vielen Völkern als Ganzes umbauen zu können. Als ihm dies nicht gelang, ließ er den Völkern ihren eigenen Weg. Er respektierte – so seine Worte – ihren demokratischen Willen. Der „Runde Tisch“ eroberte die Politik. Die Revolutionen gewannen auch bei uns ein friedliches Gesicht. Die Mauer fiel. Als sich das sowjetische Imperium auflöste, besaß Gorbatschow die Größe, die Geschichte über sich hinweglaufen zu lassen. Auf diese Weise gestaltete er sie jedoch mehr denn je. Er war ein Architekt des Friedens.

Gemeinsam mit den Menschenrechtlern und den sich friedlich erhebenden Völkern zählt er zu den Autoren eines grundsätzlich neuen Kapitels der Gewaltfreiheit in unserer europäischen Geschichte.

Sein Ringen um eine neue Weltordnung mit weniger Waffen und seine Diplomatie des Friedens sind heute in großer Gefahr. Wir müssen seine Botschaft aufs Neue lernen.

Als ich Gorbatschow 1997 mit neun Jahren kennenlernte, konnte ich natürlich nicht ahnen, welche Tragweite sein Wirken für mein heutiges Leben als Brandenburger Richterin und SPD-Bundestagskandidatin in einem der schönsten Wahlkreise unseres Landes von Rathenow über Brandenburg an der Havel, Werder und Bad Belzig bis Jüterbog haben würde.

Jedoch begriff ich in unseren Begegnungen, was Friedens- und Reformwille, was Größe und Demut miteinander zu tun haben. Er vermittelte mir, welche Bedeutung Europa für uns haben kann und es die Pflicht einer jungen Generation ist, die Zukunft mit neuen Ideen, demokratisch und sozial zu gestalten. Einmal sogar meinte er zu mir, er sei ein Reformsozialist, ja Sozialdemokrat wie Willy Brandt, den er sehr bewundere. Im Bewusstsein, dass wir ohne innere und äußere Mauern am stärksten sind.

Kurz nach seinem 75. Geburtstag (2006) ermunterte er mich, ich solle meine Doktorarbeit über seine Zeit schreiben. Als ich antwortete, dass ich aber Jura studieren möchte, legte er seine Hände auf meine Schultern mit den Worten: „Ach wie schön, dann werden wir Kollegen“ – und umarmte mich. Für ihn ist Mensch gleich Mensch unabhängig von Amt oder Funktion. So wurde ein 18-jähriges Mädchen zu seiner Kollegin. Viele sollten sich heute ein Vorbild an ihm nehmen.

Herzlichen Glückwunsch Herr Präsident!

Foto: Jochen Stoss